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VII. Wirtschaftliche Entwicklung 1999

Das Jahr 1999 war bezüglich der Wirtschaftsentwicklung der 15 EU-Staaten deutlich zweigeteilt. In der ersten Jahreshälfte machten sich noch die Auswirkungen der Konjunkturschwäche klar bemerkbar, die im Vorjahr vor allem infolge der Wirtschafts- und Finanzkrise in Ost- und Südostasien, in Lateinamerika und Osteuropa aufgetreten war, als die Exporte der EU-Staaten deutlich zurückgingen. Das Wirtschaftswachstum aller Unionsstaaten betrug daher im ersten Halbjahr 1999 nur knapp 2%. In der zweiten Jahreshälfte zog die Konjunktur dann auch als Folge des verbesserten weltwirtschaftlichen Umfelds kräftig an, zumal sich in den meisten Staaten auch die Binnennachfrage deutlich erhöhte.

Insgesamt zeigte die Wirtschaftsentwicklung der EU-Staaten 1999 ein Wachstum von 2,3% (realer Zuwachs des BIP),verglichen mit 2,7% 1998. Alle EU-Mitgliedsländer verzeichneten 1999 eine Zunahme ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten. Während jedoch Irland (8,4%), Luxemburg (5,2%), Schweden (3,8%) und Spanien (3,7%) weit überdurchschnittliche Zuwachsraten aufzuweisen hatten, blieben Dänemark (1,3%), Italien (1,4%) und Deutschland (1,5%) beträchtlich unter dem EU-Durchschnitt. Die Steigerung der Wirtschaftsleistung von Belgien (2,3%) entsprach dem Durchschnitt. Weltweit gesehen entwickelte sich die Wirtschaft in den EU-Staaten nicht so gut wie in den Industrieländern insgesamt (2,9%), da hier das Ergebnis vor allem durch die USA und Kanada (je 4,2%) positiver beeinflusst wurde. Auch die Weltwirtschaft als Ganzes wuchs mit 3,3% stärker als die EU-Wirtschaftsleistung.

Der Beitrag der drei Wirtschaftssektoren zum Wirtschaftswachstum und zum Wirtschaftsergebnis war 1999, wie in den Vorjahren, sehr unterschiedlich. Der Dienstleistungsbereich (besonders Fremdenverkehr, Bank- und Versicherungswirtschaft und das Medienwesen) wuchs wiederum am stärksten. Der produzierende Sektor (Industrie, Handwerk, Bergbau und Energiewirtschaft, Bauwirtschaft) nahm um rund 2,5% zu, reduzierte aber die Zahl seiner Beschäftigten weiter durch fortschreitende Automatisierung der industriellen Produktion und die Verlagerung von Fertigungskapazitäten in Länder mit niedrigeren Lohnkosten. Die Landwirtschaft ist von den gesamtwirtschaftlichen Konjunkturschwankungen kaum betroffen, sondern eher von agrarpolitischen Vorgaben (Marktordnungen u.ä.).

Von der gesamten Bruttowertschöpfung der EU (zu Marktpreisen) entfallen (nach Statist. Bundesamt 1999) 3% auf Land- und Forstwirtschaft und Fischerei, 30% auf den produzierenden Sektor und 67% auf öffentliche und private Dienstleistungen. Die Landwirtschaft hat noch größere Bedeutung in Griechenland (8,2%), Irland (6,3%), Finnland (3,9%) und Spanien (3,4%), während ihr Beitrag zum Sozialprodukt von Deutschland beispielsweise nur 1,1% beträgt. Der Anteil des produzierenden Sektors an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung liegt in den meisten EU-Staaten zwischen 27 und 34%; am niedrigsten ist er in Luxemburg (21,2%), Griechenland (23,0%) und Frankreich (27,5%), am höchsten in Irland (37,2%) und Finnland (34,0%). Der Dienstleistungsbereich trägt inzwischen in allen Staaten (außer Irland: 56,5%) mehr als 61% zur nationalen Wertschöpfung bei; in Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Luxemburg und den Niederlanden sind es sogar mehr als 68%. An der Spitze steht Luxemburg mit 78,1% Dienstleistungsanteil am Wirtschaftsergebnis.

Die Entwicklung der Verbraucherpreise führte 1999 zum höchsten Grad an Preisstabilität, den die EU je hatte. Die durchschnittliche Inflationsrate sank nämlich auf 1,4% ; selbst die drei Länder mit den stärksten Preissteigerungen kamen nur auf Raten von 2,6% (Griechenland) bzw. 2,5% (Irland, Dänemark). Besonders niedrige Raten wiesen Schweden (0,4%), Österreich (0,5%) und Deutschland (0,7%) auf.

Zur Preisstabilität haben mehrere Faktoren beigetragen,

Arbeitsmarkt

Die Erwerbsquote (= Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung) betrug für die EU insgesamt 45,8%; die Quoten schwankten zwischen 54,0% (Dänemark) und 49,5% (Großbritannien) einerseits und 40,4% (Italien) bzw. 41,3% (Spanien) andererseits.

Die Ursache für unterschiedliche Erwerbsquoten ist vor allem in unterschiedlich hoher Frauenerwerbstätigkeit zu finden; so lag der Anteil der Frauen an den Erwerbstätigen in Schweden bei 47,7%, in Finnland bei 47,4% und in Dänemark bei 45,5%, dagegen in Spanien nur bei 35,2% und in Italien bei 36,1% (EU-Durchschnitt: 41,9%).

Einer Teilzeitbeschäftigung gingen 18% der Erwerbstätigen nach; 81% davon waren Frauen. Von allen abhängig beschäftigten Frauen hatten 32,5% eine Teilzeitbeschäftigung; am höchsten waren die Anteile in den Niederlanden (67,8%) und in Großbritannien (44,9%).

Eine Untergliederung nach Wirtschaftsbereichen ergab folgende Aufteilung: Von den Arbeitnehmern entfielen in der gesamten EU auf Land- und Forstwirtschaft und Fischerei 1,9%, auf das Produzierende Gewerbe 31,1% und auf den Dienstleistungssektor 67,0%.

Der Anteil der Arbeitnehmer in der Landwirtschaft war lediglich in Irland (3,4%) und in den »Südländern« der EU noch größer als 2% (z.B. Portugal 2,7%, Spanien 3,9%, Italien 3,2%).

Der Anteil der Arbeitsplätze im Produzierenden Gewerbe war in Deutschland mit 36,3% und Italien (34,1%) am höchsten; besonders niedrig lag er in den Niederlanden (22,8%), Schweden (25,9%), Großbritannien (26,4%), Dänemark (26,9%) und Frankreich (27,5%).

Der Dienstleistungsanteil an den Arbeitnehmern war überdurchschnittlich hoch in Großbritannien (72,6%) und den Niederlanden (75,7%), relativ niedrig dagegen in Deutschland (61,9%).

Bei einer Zählung nicht nur der Arbeitnehmer, sondern auch der Selbständigen lagen vor allem in den Mittelmeerländern die Anteile der Landwirtschaft wesentlich höher wegen der großen Zahl noch bestehender bäuerlicher Familienbetriebe ohne familienfremde Arbeitskräfte.

Auf dem EU-Arbeitsmarkt bestanden auch 1999 relativ große Unterschiede zwischen einzelnen Ländern und Regionen, insbesondere auch zwischen den west- und nordeuropäischen und den Mittelmeerländern. Arbeitskräfteerhebungen und Erwerbsstatistiken für die Jahre 199799 zeigen folgendes Bild:

Die Beschäftigung erhöhte sich in den letzten 23 Jahren in der EU trotz des Wirtschaftswachstums nur gering; die Arbeitslosigkeit ging nur wenig zurück . Neue Arbeitsplätze, speziell im Dienstleistungsbereich, reichten nicht aus, um die Entlassungen im Industriesektor auszugleichen. Ein Rückgang der Arbeitslosenzahlen ergab sich in den meisten Ländern auch in Deutschland hauptsächlich aus Gründen der Altersstruktur: Ausscheiden älterer Arbeitsloser durch Übergang in den Rentnerstatus. Verschärft wurde in einigen EU-Ländern die Arbeitsmarktsituation außerdem durch Arbeitsplatzabbau im öffentlichen Dienst.

Insgesamt ging die Arbeitslosigkeit auch 1999 nur mäßig zurück, in der EU insgesamt von 9,7% (1998) auf 8,9%. An der Reduzierung der Arbeitslosenquote waren alle Länder beteiligt. Besonders hohe Arbeitslosigkeit herrschte auch 1999 in Spanien (15,9%), Italien (11,4%) und Frankreich (11,0%); die niedrigsten Quoten wiesen Luxemburg (2,9%), die Niederlande (3,2%) und Österreich (4,3%) auf. Fast die Hälfte aller Arbeitslosen (48,5%) war bereits seit 12 Monaten und länger beschäftigungslos, und auch die Jugendarbeitslosigkeit (unter 25 Jahre) war mit 25,6% aller Arbeitslosen wieder relativ hoch. Entsprechend diesen Zahlen legen die beschäftigungspolitischen Leitlinien der EU-Kommission ihren Schwerpunkt auf die Bekämpfung der Langzeit- und der Jugendarbeitslosigkeit. Da die Arbeitslosigkeit ganz überwiegend nicht konjunkturell, sondern strukturell bedingt ist (besonders deutlich in den östlichen deutschen Ländern, aber auch beispielsweise in Süditalien und Teilen Griechenlands und Spaniens), werden die Hauptanstrengungen auf die Verbesserung regionaler Wirtschaftsstrukturen, z.B. die Ansiedlung wachstumsstarker Branchen des Industrie- und Dienstleistungssektors in strukturschwachen Räumen, gelegt.

 
Agrarwirtschaft

Die Landwirtschaft gehörte auch 1999 / 2000 in der EU zu den modernsten und effektivsten Wirtschaftszweigen. Zwar beschäftigte sie nur wenige Prozent der Erwerbstätigen, doch erzeugt sie Nahrungsmittel beträchtlich über den Eigenverbrauch der Bevölkerung hinaus; zunehmend wird auch ihre Bedeutung für Erhalt und Pflege der Kulturlandschaft anerkannt.

Das Hauptproblem der Agrarpolitik war auch 1999 / 2000 die Sicherung angemessener Einkommen für die Landwirte angesichts der Überschussproduktion bei vielen Erzeugnissen und einem Preisniveau auf dem Weltmarkt, das wesentlich unter dem europäischen liegt. Ursprünglich sollte die EG-Marktordnung den Bauern ein stabiles Einkommen und den Verbrauchern eine gesicherte Versorgung garantieren. Durch finanzielle Produktionsanreize und die Abschottung gegenüber der billigeren Weltmarkt-Konkurrenz führte sie aber bei vielen Produkten zu permanenten Überschüssen (z.B. Milch, Zucker, Getreide, Wein, Fleisch). Wegen der hohen EU-Preise sind diese Überschüsse nur mit Subventionen in Drittländern verkäuflich. Solche Exportsubventionen verstoßen jedoch gegen die Regeln der WTO und führten in den letzten Jahren immer wieder zu Spannungen mit den USA.

Reformen der EU-Agrarpolitik seit 1992 liefen darauf hinaus, die staatlich gestützten Erzeugerpreise zu senken, um die Abstände zu den Weltmarktpreisen zu verringern, ferner die Erzeugung zu drosseln, um das Entstehen übergroßer Überschüsse zu verhindern, und den Landwirten als Ausgleich für Einkommensrückgänge flächengebundene Ausgleichszahlungen zu gewähren, wenn sie sich an Programmen zur Flächenstilllegung oder -extensivierung beteiligen.

Die Entwicklung auf den Agrarmärkten zeigte auch 1999 / 2000, dass die marktentlastenden Wirkungen der verschiedenen Reformen weiterhin bestehen. Die eingelagerten »Interventionsbestände« (z. B. Milchprodukte) konnten auf relativ niedrigem Niveau gehalten werden, wenn auch die Überschussbestände bei Butter und Getreide wieder leicht anstiegen, da die Erzeugung erneut den Verkauf überstieg. Ein wesentlicher Grund für die dringende Notwendigkeit, die Agrarpolitik zu reformieren, ist die hohe Belastung des EU-Haushalts durch die Finanzierung der Agrarmarktordnung. In den letzten Jahren konnte zumindest der weitere Anstieg dieser Kosten abgebremst werden. 1999 belief sich der Agrarhaushalt auf 45,144 Mrd. ECU, d.h. 52,7% des gesamten EU-Haushalts.

 
Unter dem Titel »Agenda 2000« beschlossen die Gremien der EU 1999 ein Bündel von Maßnahmen zur Reform der europäischen Agrar-, Struktur- und Haushaltspolitik. Die Reform wird durch die bevorstehende Osterweiterung der EU notwendig, die sonst nicht finanzierbar wäre. Der Agrarteil des Beschlusses enthält vor allem Senkungen der garantierten Mindestpreise ab 2000 / 2001 für Getreide (-15%), Rindfleisch (-20%) und Milch (-15% ab 2005). Als Ausgleich sollen die Landwirte in höherem Maße direkt subventioniert werden. Das System der Flächenstilllegungen wird neu geregelt. Europäische Agrarprodukte sollen künftig zu niedrigeren Preisen auch ohne Ausfuhrsubventionen exportiert werden können, zumal die WTO zunehmend auf ein Ende der Agrarexportsubventionen drängt.

 
Außenhandel

Im Außenhandel konnte die EU als Wirtschaftsgemeinschaft bzw. Zollunion mit gemeinsamem Außentarif ihre Stellung als weltweit führender Exporteur und zweitwichtigster Importeur (nach den USA) behaupten bzw. ausbauen. Auf die EU entfielen 1999 19,2% der Weltexporte und 18,1% der weltweiten Importe (jeweils ohne EU-Binnenhandel).

Im Handel der EU mit Drittstaaten betrugen 1999 (1998) die Exporte 741,6 (733,3) Mrd. ECU, die Importe 753,2 (710,5) Mrd. ECU. Die Handelsbilanz verschlechterte sich damit gegenüber 1998; der Saldo veränderte sich von einem Überschuss von 22,7 Mrd. ECU (1998) in ein Defizit von 11,6 Mrd. ECU, vor allem wegen der stark verringerten Exporte in die von Wirtschaftskrisen betroffenen Länder in Südostasien und Osteuropa. So gingen die Ausfuhren nach Kolumbien um 36,1%, nach Chile um 25,2%, nach Argentinien um 17,0%, nach Südamerika insgesamt um 16,3% zurück; nach Thailand betrug die Abnahme 11,6%, nach Indonesien 14,7%; die Exporte nach Russland nahmen um 30,5% von 20,7 (1998) auf 14,4 Mrd. ECU ab, diejenigen in die Ukraine schrumpften um 27,4%. Zunahmen verzeichneten die EU-Ausfuhren dagegen in die ostmitteleuropäischen Länder (z.B. Polen 5,9%, Ungarn 10,2%). Auch die Exporte in das wichtigste Außenhandelspartnerland USA nahmen um 13,5% zu. Da die Importe von dort langsamer wuchsen, erhöhte sich der positive Saldo von 8,9 (1998) auf 23,4 Mrd. ECU. Das höchste Defizit unter allen Ländern erbrachte auch 1999 der Handel mit Japan. Der negative Saldo der EU erhöhte sich sogar noch von 34,8 (1998) auf 35,4 Mrd. ECU. Das zweithöchste Defizit ergab sich im Handel mit der VR China (30,2 Mrd. ECU).
 

 VIII. Europäische Wirtschafts- und Währungsunion  
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