| WIRTSCHAFT & SCHULE Anwenden & Können |
Das Leistungsprofil der Bewerber
oder: Die Stärken und Schwächen der Bewerber
1. Intelligenztests bescheinigen gutes Potential
Der Einsatz von Tests - gleich welcher Art - ist bei den Unternehmen weit verbreitet. Im Schnitt greifen vier von fünf Betrieben auf allgemeine Intelligenztests, Rechtschreibtests, Rechentests, aber auch praktische Tests zurück, um unter der Schar der Lehrstellen-Bewerber die für ihren Betrieb geeigneten Auszubildenden ausfindig zu machen. Vielfach haben die Unternehmen die Tests im Laufe der Zeit selbst entwickelt.
Alles in allem bescheinigen die von den Unternehmen durchgeführten Intelligenztests dem Gros der Kandidaten ein kreatives Potential. Die restlichen Kandidaten, das ist jeder dritte Sonderschul-Absolvent und jeder vierte Schulentlassene mit Hauptschulabschluss,
verfehlt jedoch bei den Intelligenztests das erforderliche Klassenziel.
Ein Vergleich mit den Ergebnissen in konkreten Leistungsbereichen wie Rechtschreibung und Rechnen offenbart dagegen die Schwierigkeiten der Schule, den einzelnen Schüler gemäß seiner Interessen und Begabung gezielt und individuell zu fördern: Bei den von den Unternehmen durchgeführten Intelligenztests schneiden Sonderschüler und Hauptschüler durchweg besser ab als bei den Teilleistungstests. Dieser Befund legt die Vermutung nahe: Das Intelligenzpotential bei der Vermittlung von grundlegenden Kenntnissen und Kulturtechniken wie Rechnen und Rechtschreibung ist von der Schule offensichtlich nicht ausreichend gefördert bzw. von den Schülern selbst nicht genutzt worden.
2. Rechtschreibung: Mängel sind offenkundig
Aufgrund von Rechtschreibtests kommt jedes zweite Unternehmen zu dem Schluss, dass Hauptschüler über nicht ausreichende Rechtschreibkenntnisse verfügen. Selbst jeder sechste Schüler mit Mittlerer Reife und jeder neunte mit Fachoberschulreife verfügt nicht über das erforderliche Leistungsniveau. Als "erste Sahne" in der Beherrschung der Schriftsprache lassen sich lediglich ein Viertel der Abiturienten und ein Fünftel der
Fachabiturienten bezeichnen. Ansonsten bescheinigen die Unternehmen jedem zweiten Fachoberschüler,
Fachabiturienten und Abiturienten, dass seine Rechtschreibkenntnisse befriedigend sind. Bei den restlichen Kandidaten werden die Ergebnisse schon eher als problematisch eingestuft.
3. Rechnen: Probleme mit dem Einmaleins
Wer davon ausgeht, dass jeder dritte Auszubildende in Deutschland von der Hauptschule kommt, vermag beim Blick auf die Rechenkünste dieser Schüler zu verstehen, weshalb die Unternehmen mit großer Sorge den aktuellen Leistungsstand der Hauptschul-Absolventen beobachten: Gerade einmal 18 Prozent der Hauptschüler erzielen in den Rechentests ein befriedigendes Ergebnis - von einer guten oder sehr guten Note ganz zu schweigen.
Oder anders formuliert: Drei von vier Hauptschul-Absolventen streben eine Berufsausbildung an, aber noch nicht einmal jeder fünfte verfügt über zufriedenstellende Rechenkenntnisse. Auf noch dramatischere Weise kommt dieses Problem im Handwerk zum Vorschein. Dort hat nahezu jeder zweite Lehrling einen Hauptschulabschluss. Doch zum betrieblichen Alltag gehört das Beherrschen der Grundrechenarten genauso wie der Umgang mit Zollstock und Wasserwaage.
Erfreulicher dagegen ist: Etwa die Hälfte bis zwei Drittel der Absolventen weiterführender Schulen schaffen beim kleinen Einmaleins eine sehr gute bis befriedigende Note. Allerdings verfehlt sogar ein Viertel der Abiturienten eine befriedigende Zensur - jeder siebte fällt sogar ganz durch das Leistungsraster.
4. Leistungsprofil: Unübersehbare Schwächen
Die Analyse der Leistungsprofile der Ausbildungsplatz-Bewerber fällt insgesamt wenig schmeichelhaft aus. Befragt nach dem Wissensstand der Schüler in Bereichen, konstatieren die Unternehmen unübersehbare Lücken im Wissensgerüst und in der Beherrschung der Kulturtechniken.
Auf die Frage: "Wie beurteilen Sie den Bildungs- und Leistungsstand der Schüler?" antworteten soviel Prozent der Unternehmen
| keine Schwächen | geringe Schwächen | deutliche Schwächen | Hauptschüler | Hauptschüler | Hauptschüler | Realschüler | Realschüler | Realschüler | Abiturienten | Abiturienten | Abiturienten | Rechtschreibung | 1 | 7 | 36 | 24 | 62 | 49 | 75 | 31 | 15 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Rechnen | 3 | 15 | 30 | 37 | 56 | 48 | 60 | 30 | 22 | |||
| Allgemeinbildung | 1 | 9 | 46 | 34 | 54 | 40 | 65 | 37 | 13 | |||
Umfrage bei 763 Unternehmen 1997 Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln |
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5. Schlüsselqualifikationen: Nicht gut genug
Nur wenig besser sieht es bei den Kompetenzen aus, die den fachübergreifenden, persönlichkeitsbezogenen Fähigkeiten zuzurechnen sind also den Schlüsselqualifikationen. Das Schülerinnen und Schüler teamfähig und kooperativ sind und kommunizieren können, sagt im Schnitt gerade jedes vierte Unternehmen. Nur jedes siebte Unternehmen hält die getesteten Schulabgänger für kreativ, zuverlässig und beständig.
Überdies mangelt es den Lehrstellen-Interessenten vielfach an Verantwortungsbewusstsein und der positiven Einstellung zur Arbeit - wie zwei von fünf Unternehmen kritisieren. Jedes dritte Unternehmen hält die Bewerber gar für wenig motiviert und kaum belastbar. Dieses Ergebnis legt den Schluss nahe, dass mangelnde Motivation und eine Laisser-faire-Einstellung zur Arbeit keine typischen Schwächen einzelner Schulformen sind, sondern ein Problem, das sich durch alle Schulformen zieht.
Generell tolerieren die Betriebe fachliche Leistungsdefizite eher als Defizite bei den Schlüsselqualifikationen. Denn mangelhafte Mathekenntnisse lassen sich eher ausräumen als Schwächen in der Persönlichkeitsentwicklung.
6. Gesamtleistung: Nur wenige sind top
Werden sämtliche Einstellungstests zusammengefügt, so ermöglichen sie für die einzelnen Schularten eine sehr differenzierte Analyse der Bewerberprofile. Leistungsträger in der dualen Ausbildung sind - wie nicht anders zu erwarten - die Absolventen mit Hochschulreife. Allerdings repräsentieren diese nur etwa 15 Prozent eines Ausbildungsjahrganges. Doch selbst unter der Gruppe mit Hochschulzugangsberechtigung bescheinigen die Betriebe noch jedem achten Fachabiturienten und jedem elften Abiturienten, dass er gerade einmal über ausreichende Leistungen verfügt.
Gleichwohl kommen in der Gesamtschau der Leistungen die Lehrstellen-Interessenten im Schnitt besser weg als beim Blick auf Einzelergebnisse. Folge: Immerhin einem guten Drittel der Hauptschüler, die sich für einen kaufmännischen Ausbildungsberuf interessieren, werden insgesamt annehmbare Leistungen attestiert - das entspricht den Noten sehr gut bis befriedigend. Mehr als doppelt so stark besetzt ist dagegen die Gruppe der Schüler mit sehr guten bis befriedigenden Testergebnissen bei den Absolventen von Realschulen (74 Prozent), Fachoberschulen (80 Prozent), Fachgymnasien (84 Prozent) und Gymnasien (86 Prozent).
Das bedeutet zugleich: Im Schnitt kann jeder sechste Kandidat gerade noch ausreichende Leistungen nachweisen, jeder zehnte schafft die betrieblichen Tests überhaupt nicht. Etwa jeder vierte Lehrstellen-Kandidat gehört jener Problemgruppe an, die für eine Ausbildung nicht oder nur bedingt geeignet ist. Folge: Nur vier von fünf der befragten Unternehmen konnten im Ausbildungsjahr 1996/97 alle zur Verfügung gestellten Lehrstellen besetzen.
Vor der Tür bleiben vor allem die Hauptschüler: So haben im Jahr 1996 in jedem vierten Ausbildungsbetrieb weniger Hauptschüler einen Lehrvertrag unterschrieben als im Jahr zuvor, und jeder fünfte Betrieb hat weniger Realschüler und Abiturienten in eine Berufsausbildung übernommen als im Vorjahr.
Bemerkenswert ist zudem, dass Sonderschüler sowie Bewerber ohne Schulabschluss in der Gesamtschau der Leistungen einen wesentlich besseren Eindruck hinterlassen, als dies die Einzelergebnisse vermuten lassen. So schaffen bei den kaufmännischen Einstellungstests gut 10 Prozent der Bewerber ohne Schulabschluss die notwendige Punktzahl, bei den gewerblich-technischen Berufen sind es sogar doppelt so viele.
Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Dieses Ergebnis sollte nicht überbewertet werden, da die Gruppe der Azubis ohne Schulabschluss lediglich einem Anteil von durchschnittlich 3 Prozent an allen neu abgeschlossenen Lehrverträgen eines Ausbildungs-Jahrganges entspricht.
Viele Unternehmen sehen einen formalen Bildungsabschluss nach wie vor als eine Art persönliche Visitenkarte. Denn die Unternehmen achten bei der Vergabe von Ausbildungsplätzen auf eine abgeschlossene Schulausbildung der Bewerber. Nur jeder vierte Betrieb ist bereit, Interessenten ohne Schulabschluss zu akzeptieren.
7. Schulische Defizite: Unternehmen greifen zur Selbsthilfe
Neun von zehn Unternehmen stellen fest, dass die Leistungen des getesteten Absolventenjahrgangs in Rechnen, Rechtschreibung und Allgemeinbildung deutlich unter dem Niveau früherer Jahrgänge liegen. Nachhilfelektionen bleiben demnach unausweichlich. Diese betreffen alle Kompetenzbereiche - das heißt, kommunikative, soziale und methodische Fähigkeiten sind davon nicht ausgenommen. Dieser Befund mag zunächst erstaunen waren doch dies genau jene Qualifikationen, die von vielen Betrieben als Stärken der Bewerber eingestuft wurden. Wird jedoch der Blick darauf gelenkt, dass Schlüsselqualifikationen längerfristig wichtig sind, wird verständlich, weshalb die Betriebe auch bei den für die Zukunft bedeutenden Schlüsselqualifikationen fördernd eingreifen. Fast jedes zweite Unternehmen bietet seinen Auszubildenden deshalb zusätzlichen internen Unterricht an, um die Defizite auszugleichen. So kümmern sich zwei Fünftel der Betriebe um Nachhilfe im Fach Rechnen, etwa jedes dritte Unternehmen fördert Deutsch-Kurse oder andere Angebote zum Sprach- oder Kommunikationstraining.
| Fachqualifikation | 93 % |
|---|---|
| Teamfähigkeit | 79 % |
| Kommunikationsfähigkeit | 74 % |
| soziale Kompetenz | 64 % |
| Methodenkompetenz | 58 % |
| Umfrage bei 763 Unternehmen 1997 Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln |
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Schulische Defizite: Unternehmen geben Nachhilfe
Auf die Frage: "In welchen Bereichen halten sie unternehmerische Fördermaßnahmen für notwendig?" antworteten soviel Prozent der befragten Unternehmen
| Was beim Berufsstart morgen zählt
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Redaktion netSCHOOL 2001