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Gerhard Mayer-Vorfelder wird DFB-Chef
Stehaufmännchens Weg nach ganz oben
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| Gerhard Mayer-Vorfelder nebst Gattin Margit |
Hat Margit in letzter Zeit wieder ein Erste-Hilfe-Menü aufgetischt? Jedenfalls wird Gerhard Mayer-Vorfelder an diesem Samstag zum Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes gewählt. Er hat keinen Gegenkandidaten. Das Votum für ihn auf dem DFB-Bundestag in Magdeburg gilt als sicher, woran man wieder einmal sieht, zu welchen Sensationen der Sport in der Lage ist - aber erst recht dieser Mann, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht.
Nicht ohne Stolz meint er: "Ich bin fast tagtäglich im Schützengraben gestanden, und um mich herum sind die Giftpfeile geschwirrt." Sie haben ihn getroffen, aber nicht verletzt - und nun ist er ganz, ganz oben.
Dabei war er schon erlegt und erledigt. Es war an einem Samstag im vergangenen Oktober. Dem VfB Stuttgart gelang in letzter Minute ein wichtiges Tor, und alle auf der Tribüne sind aufgesprungen, bis auf einen: Während Margit Mayer-Vorfelder sich beim Jubeln fast die Frisur ruinierte, blieb ihr Mann regungslos sitzen.
Irgendwann begann er wenigstens apathisch vor sich hin zu klatschen. Mayer-Vorfelder, damals noch Präsident des Stuttgarter Fußball-Bundesligisten, war mit seinen Gedanken weit weg.
Es war der Samstag, als die Kokain-Affäre platzte, und eine halbe Stunde später, als er in seiner Eigenschaft als geschäftsführender Chef des Deutschen Fußballbundes (DFB) den Medien die Abkehr vom avisierten Bundestrainer Christoph Daum beibrachte, wurde er gefragt: "Müssen nicht auch Sie Konsequenzen ziehen?" "Warum?", antwortete er, sehr leise.
Gerhard Mayer-Vorfelder war bis dahin eher als Mayer-Vorlaut oder Mayer-Vorderlader bekannt, doch plötzlich war er der Mayer-Wortkarg: Daum der Mann seiner Wahl, sein Trumpf auf dem Weg an die DFB-Spitze hatte die Polizei am Hals. Ein Skandal, zwei Verlierer.
Daum drohte, seinen Gönner mit in den Abgrund zu reißen. Vor allem Ex-Nationalspieler Paul Breitner, das bayerische Schandmaul, verlangte als Volkes Stimme: "MV kann nicht mehr DFB-Präsident werden." MV hatte, so schien es, keine Chance mehr.
Doch es gibt eine Kunst, die nur solche stählernen Stehaufmännchen beherrschen. Nichts ruiniert ihn, selbst die Blamage, vom Rivalen aus Malta vor drei Jahren aus der Exekutive des Weltverbands Fifa hinausbefördert worden zu sein, hat er ausgesessen. "Jetzt fliegen wir schon gegen die Malteser raus", hat sich Fußballkaiser Franz Beckenbauer aufgeregt.
Kurze Zeit schien es damals, als würden der Beckenbauer, der Hoeneß und die übrigen Bayernbrüder den Mayer-Vorfelder kleinkriegen - aber auch sie haben ihn nicht geschafft. "Meine Maxime ist: Du darfst dich auch bei stürmischem Wind nicht umblasen lassen", sagt der zähe MV.
Mit dieser Standfestigkeit hat er es tatsächlich fertig gebracht, den großen DFB, diesen Staat im Staate, ausgerechnet zu einer Zeit zu übernehmen, da viele überzeugt sind, dass er seinen Zenit weitgehend überschritten hat.
Mayer-Vorfelder ist 68. Früher hat man ihm dieses ruhestandsreife Alter nur nach VfB-Niederlagen angesehen oder mitten in der Nacht nach dem dritten oder fünften Glas Rotwein, wenn sich der Krawattenknoten langsam zu lockern begann.
Auch wenn der Mann nach wie vor federnden Schrittes daherkommt mit einem gewinnenden Lächeln und einem gebräunten Teint, wie ihn die Natur allein gar nicht hinschminken könnte: Er hat gelitten, er wirkt vergänglicher - spätestens seit er in der Liste der "100 wichtigsten Leute des deutschen Fußballs", die ein Fachorgan aufgestellt hat, abgeschlagen auf Platz 54 landete.
In Stuttgart, wo er ein Vierteljahrhundert lang Präsident war, würden ihn viele sogar noch weiter hinten auf der Liste platzieren. Der VfB ist zwar zweimal Meister geworden, doch das Ende ist bitter: Abstiegsangst, 30 Millionen Mark Schulden. "Soll ich Ihnen sagen, wie hoch die Bundesliga insgesamt verschuldet ist?", pflegt sich Mayer-Vorfelder in solchen Momenten zu wehren: "800 Millionen."
Das zeigt, wie schlau dieser Mensch ist, und wie schwer er sich manchmal mit der Realität tut. Auf Grund des Transferwahnsinns prophezeit er schon fast den Untergang des bezahlten Fußballs und vergisst seinen eigenen Beitrag: In Stuttgart hat er seinen Lieblingsspieler Krassimir Balakov jahrelang mit Extrawürsten und einer Saisongage von rund sechs Millionen Mark verwöhnt.
Am Ende hat sogar der Aufsichtsrat, den der Chef früher nur zum Abnicken seiner Wünsche brauchte, gemeutert. Da ist einer als Löwe gesprungen, aber als Bettvorleger gelandet.
Wie kann ein kriselnder Veteran aber noch DFB-Präsident werden? Er muss ein Meister aller Klassen im Schmieden strategischer Allianzen sein. Wenn es anders wäre, hätte er schon die Klippen seiner politischen Karriere nicht so lange umschifft. Ehe sich der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel von seinem Finanzminister Mayer-Vorfelder letztes Jahr trennte, war der bereits mit mehreren Problemen erstaunlich gut fertig geworden - bis hin zur Lotto-Affäre.
Da warf der Rechnungshof dem Minister vor, versagt zu haben als Kontrolleur der Glücksspiel-Zentrale, die allzu üppig mit dem Geld um sich warf. Sogar ein Steinway-Flügel stand herum, für 68 500 Mark. MV, zur Rede gestellt: "Ich habe sogar mal mein Bier darauf abgestellt."
Mayer-Schlitzohr. Wenn beim VfB der Baum brannte, hat er die Schuld meistens den Journalisten in die Schuhe geschoben, um sie hinterher, wenn die Mikrofone abgeschaltet waren, am Arm zu packen und ihnen zuzuraunen: "Was hätte ich denn machen sollen?"
Wenn es pressierte, war ihm freilich auch die rigorose Härte nie fremd. VfB-Präsident war er in einer "Nacht der langen Messer" geworden, im Rahmen einer verbalen Saalschlacht. "Ohne Spannung kein Licht", pflegt er zu sagen.
MV hat das berühmte Näschen für Macht und Menschen, für Trends und Gefühle. Zu seinen besten Zeiten war er Mayer-Überall und wurde manchmal fast gleichzeitig an fünf Orten in unterschiedlichen Eigenschaften gesichtet: als DFB-Funktionär, als VfB-Boss, als Minister, als Reserveoffizier beim Fallschirmsprung und beim Erwerb des Sportabzeichens. "Selbstverständlich", hat ihm ein Kritiker bescheinigt, "kann er auch Kühe melken."
Oskar Beck