| Aktuelles - Thema: Fußball Schalke 04 |
| Überblick zum Thema | siehe auch: netSCHOOL SPORT Fußball |
Süddeutsche, online, 25.5.01
Aufstieg einer schrägen Type
Der als schwierig geltende Jörg Böhme fand auf Schalke zu sich und ins DFB-Aufgebot
Als Rudi Assauer vor einem Jahr ernsthaft darüber nachdachte, einen wie Jörg Böhme in den Pott zu holen, hat es viele Leute gegeben, die die Nase gerümpft haben. Dieser Fußballer hatte nicht so einen prima Ruf. Ein Hitzkopf sei er, schrieben die Zeitungen, einer, der ganz gern mal einen über den Durst trinke, Kampfsportarten betreibe und wegen Beihilfe zur schweren Körperverletzung einst sechs Monate mit Bewährung aufgebrummt bekommen hatte. Dazu, hieß es, sei Böhme stolzer Besitzer eines Kampfhundes.
Das wollte Assauer, dem nichts Menschliches fremd ist, genauer wissen. Er fragte Böhme nach dem Kampfhund. Er habe keinen, sagte Böhme, er habe einen "Zwergschnauzer, der froh ist, dass er laufen kann." Assauer war zufrieden, Böhme bekam den Vertrag beim FC Schalke 04.
Vermutlich hätte der vor 27 Jahren in Hohenmölsen in Sachsen-Anhalt geborenen Linksfuß Böhme auch mit Kampfhund ein Engagement in Gelsenkirchen bekommen, schließlich ist der gelernter Gas- und Wasserinstallateur kein ganz schlechter Kicker. Oliver Reck etwa hat ihn gar schon in Anlehnung an seinen alten Bremer Kollegen "linker Basler" getauft. Doch es zeigt, dass selbst Assauer, der ein paar verrückte Typen für unverzichtbar für jede Mannschaft hält, ein bisschen Bedenken hatte, ehe er 1,5 Millionen Mark an Arminia Bielefeld überweisen ließ.
Inzwischen sind sie froh am Schalker Markt, das gewisse Risiko eingegangen zu sein. Wandervogel Jörg Böhme, der einst regelmäßig den Verein wechselte (Carl Zeiss Jena, 1. FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt, 1860 München), gehört zu den großen Überraschungen in einem Schalker Team, das die Bundesliga aufmischte: Um Sekunden an der Deutschen Meisterschaft vorbeigeschrammt, dazu die Teilnahme heute Abend am DFB-Pokal-Finale in Berlin gegen den Regionalligisten Union Berlin - das alles sind Erfolge, die man vor der Saison von den so launischen "Knappen" nicht erwartet hatte. Auch nicht, dass einer wie Böhme 30 Bundesligaspiele macht für S 04, dabei zehn Tore schießt, viele, wie zuletzt gegen Unterhaching, auf raffinierte Art, und jetzt ins Team von Rudi Völler berufen wird. So Rosarot hätte selbst der inzwischen verheiratete Vater eines Sohnes seine Zukunft bei allem Selbstbewusstsein nicht malen können: "Manchmal denke ich, ich träume."
Der Unangepasste, der noch mehr Tattoos trüge, "wenn es meiner Frau gefallen würde", glaubt, dass "es das erste Mal ist, dass ich mir wirklich den richtigen Klub ausgesucht habe". Und tatsächlich spürt man regelrecht den Spaß, den der Unbequeme hat, wenn er die Kugel über die linke Außenbahn treibt, wenn er Freistöße ins Tor zimmert oder kunstvoll gedrechselt über die Mauer zwirbelt, wenn er Flanken schlägt, die eine Freude für den Angreifer und eine Qual für den Verteidiger sind, wenn er das Unerwartete tut. Böhme ist einer der Kicker, die es, wie gerne lamentiert wird, eigentlich gar nicht mehr gibt. Vielleicht ist er sogar eine Persönlichkeit, eine schräge Type bestimmt, und einer, der - trotz aller Läuterung - auch in Zukunft nicht berechenbar sein wird. In Cottbus etwa, als Schalke im Winter 1:4 unterging, hat "Ossi" Böhme Christian Beeck per Ellenbogencheck niedergestreckt. Als er daraufhin auch von Schalke arg gerüffelt wurde, hat er sich bockig hingestellt wie ein Dreikäsehoch und erklärt, er werde künftig nicht mehr "mit Emotionen spielen". Natürlich hat das nicht geklappt. Einer wie Böhme, der ein Gutteil seiner Stärke eben seinem Instinkt verdankt, kann nicht aus seiner Haut: Er braucht die Leidenschaft für sein Spiel, er braucht das Ungehobelte, das Draufgängerische. Deswegen sind Abstürze oder Einbrüche jederzeit möglich. Zahm ist Jörg Böhme nicht geworden, nur älter.
Aber auch einer, der die Realitäten einzuschätzen vermag. Am vergangenen Samstag, als halb Schalke tränenreich dem vergebenen Titel nachtrauerte, ist Jörg Böhme gefragt worden, ob er so was Schlimmes schon mal erlebt habe. "Klar", hat er trocken geantwortet, "der Abstieg mit Bielefeld war viel schlimmer". Da fühlte er sich richtig auf den Hund gekommen.
Thomas Kilchenstein