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Kölner Stadt-Anzeiger, 29.5.01
"Ich war hin- und hergerissen"
Mit Gerald Asamoah sprach Andreas Morbach
Herr Asamoah, als erster Schwarzer in der deutschen
Nationalmannschaft - man könnte sagen: Gut gemacht, jetzt reden die Leute bei
Gerald Asamoah nicht mehr zuerst über Ihren Herzfehler und die
Wiederbelebungsgeräte, die während Ihrer Einsätze immer griffbereit neben
Schalkes Vereinsarzt stehen.
Asamoah: Kann sein, dass das jetzt erst recht kommt. Dann werde ich nicht
mehr nur in Deutschland, sondern auch im Ausland oft darauf angesprochen. Aber
auch wenn es mehr wird: Mich stört das nicht. Ich habe zwar was am Herzen, aber
ich fühle mich pudelwohl.
In den Nationalteams von Frankreich, Belgien oder England hat der Einsatz
dunkelhäutiger Spieler eine lange Tradition. In Deutschland nicht. Was für ein
Gefühl löst dieser Umstand bei Ihnen aus?
Asamoah: Klar kann man sich darüber freuen, dass man als erster
Schwarzer in der Nationalmannschaft spielt. Jimmy Hartwig war ja ein
Halbschwarzer, und ich bin der erste Schwarze, der dabei ist. Das ist schon eine
Ehre für mich. Und vielleicht kann ich damit auch etwas bewirken. Ich will
jetzt nicht als der große Retter hingestellt werden, aber es gibt ja immer noch
Rassismus hier in Deutschland. Da kann ich zeigen, dass Schwarze auch etwas für
Deutschland tun können.
Da wäre es natürlich gut, wenn Sie tatsächlich spielen dürften.
Asamoah: Natürlich, ich hoffe auf mein erstes A-1-Länderspiel. Aber
wenn ich jetzt zum ersten Mal komme und sage: Ich will spielen - das wäre ganz
schön arrogant.
Sie sprechen von Rassismus in Deutschland. Haben Sie eine solche Stimmung schon
häufig am eigenen Leib erfahren? Die dumpfen Uh-uh-uh-Rufe in manchen Stadien
zum Beispiel?
Asamoah: Ja, das bekommt man sehr stark mit. Außerhalb der Stadien ist
mir nichts ganz so Extremes passiert. Bitter ist aber zum Beispiel, wenn du vor
einer Disko stehst, wo du nicht reinkommst. Wenn einem gesagt wird: Sie sind
kein Stammgast, und ich mir dann meinen Teil dazu denken. Ich kann mir nicht
vorstellen, dass sie einen Weißen einfach wegschicken würden, weil er kein
Stammgast ist.
Wie soll man denn Stammgast werden, wenn man gar nicht reinkommt? Das haben Sie
wohl auch diese Türsteher gefragt?
Asamoah: Ja. Eine richtige Antwort hab' ich aber nicht bekommen. Ich
steh' auch nicht drauf, mich als der Asamoah auszugeben - weil ich wie ein ganz
normaler Mensch behandelt werden will, wie jeder Farbige, der hier in
Deutschland lebt. Deshalb tat mir das Leid, dass ich in ein paar Diskotheken
nicht reingekommen bin.
Hier in Gelsenkirchen?
Asamoah: Nicht direkt in Gelsenkirchen, sondern ein bisschen außerhalb.
Nach Ihrem Debüt in der A-2 Ende März prägten Sie den lustigen Satz, Sie
seien der schwärzeste aller Nationalspieler. Waren Sie eigentlich überrascht,
als vor einer Woche dann die Einladung des DFB für Rudi Völlers Team in Ihrem
Briefkasten lag?
Asamoah: Dass das so schnell ging mit der A-1, da bin ich im Nachhinein
schon sehr überrascht. Aber im Vorfeld hat man ja schon oft gehört, dass mich
der Teamchef beobachtet hat und dies und das.
Ihren Urlaub in Ghana hat Ihnen Rudi Völler jetzt erst einmal vermasselt.
Fliegen Sie trotzdem hin?
Asamoah: Davon gehe ich aus. Auch wenn sich das jetzt ein bisschen verzögert.
Ghana wollte Sie ja immer mal wieder zu Länderspielen holen. Hätten Sie einmal
gespielt, wäre das mit der deutschen Nationalmannschaft nichts mehr geworden.
War das bei Ihrem wiederholten Entschluss, Länderspiele mit Ghana abzusagen,
immer im Hinterkopf? Weil Sie sich die Möglichkeit, für Deutschland zu
spielen, offen halten wollten?
Asamoah: Es war ja so, dass ich mich einmal für Ghana entschieden hatte.
Ich war da und habe nicht gespielt. Das war, als ich noch in Hannover gespielt
habe. Ich war aber einfach hin- und hergerissen. Das fiel mir schon schwer:
Immerhin bin ich in Ghana geboren, habe aber die meiste Zeit hier in Deutschland
verbracht. Eines Tages stehst du auf und sagst: Ich will für Ghana spielen. Am
nächsten Tag stehst du auf und sagst: Nee, ich will für Deutschland spielen.
Zu Ghana habe ich aber letztlich keinen so starken Bezug. Ich lebe hier in
Deutschland, ich spreche die Sprache, ich habe viele deutsche Freunde. Ich habe
mit meinen Eltern und vielen anderen Leuten darüber gesprochen. Ich habe lange
gewartet und einmal auch eine Einladung für die A 2 unterschlagen, weil ich
nicht wusste, was ich machen wollte.
Das ist passé. Jetzt sagten Sie: Wenn das so weitergeht, dann war die Annahme
der deutschen Staatsbürgerschaft wirklich die richtige Entscheidung. Das heißt:
Wenn ich auch wirklich im Team von Rudi Völler bleibe?
Asamoah: Ja, natürlich. Wenn es auf einmal so schnell geht, denkt man,
dass man die richtige Entscheidung getroffen hat. Und man hofft, dass es so
weitergeht. Es kann alles passieren.
Rudi Völler lobt speziell Ihre neue Fähigkeit, auch in der Defensive zu
arbeiten. In erster Linie sind Sie ja eigentlich Angreifer, wollten in der
letzten Saison zwischenzeitlich sogar schon zum Hamburger SV wechseln, weil in
Schalkes Angriff neben Ebbe Sand und Emile Mpenza kein Platz für Sie war.
Asamoah: Ich bin nach Schalke gekommen, will ich ein Kämpfertyp bin. Ich
dachte, dass ich deswegen ganz gut hierher passe. Aber mit Sand und Mpenza
klappt das jetzt sehr gut - dafür, dass ich so viel nach hinten machen muss.
Aber solange ich spielen kann, ist das alles egal.