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Huub Stevens Frankfurter Rundschau, 19.5.01

Ein Held der Arbeit

Schalke-Trainer Huub Stevens analysiert auch am Geburtstag Videos von Spielen

Am Donnerstag zur Pressekonferenz, die nun einmal zum vertraglich vereinbarten Pflichtprogramm gehört, hat Huub Stevens sich wieder diese blaue adidas-Jacke, mit den Initialen HS auf der Brust, übergezogen. Er hat auf alle Fragen geantwortet, aber er hat nichts gesagt. Als ein DSF-Reporter tollkühn die Schalker Taktik gegen Unterhaching zu erkunden wagte, muss er es sogleich bereut haben. "Lasst Euch überraschen, dann könnt Ihr hinterher wieder schreiben und erzählen", hat Stevens gebläfft, und die Reporter haben sich mal wieder stumm angeschaut. Auch fast fünf Jahre, nachdem die Schalker den knorrigen Niederländer als Nachfolger des geschassten Jörg Berger für hartnäckig kolportierte eine Million Mark Ablöse von Roda Kerkrade verpflichteten, ist das noch genauso.

Stevens (47) erwartet von den Journalisten, dass sie denken wie ein Trainer. Aber er weiß, das sie das nicht können. Lieber als missverstanden zu werden, gibt er gar nichts preis. Niemals schwarz, niemals weiß, immer Grauzone. Selbige ist ungeheuer schmal in einem Klub wie Schalke 04. Huub Stevens bricht dennoch niemals aus. Der Mann ist ein wandelnder Trainingsanzug, und das ist gut so. Nicht für die Berichterstatter, denen die absichtlich so nichtssagend und unverbindlich wie möglich gehaltenen Statements nur selten Stoff für Schlagzeilen liefern. Allemal aber für die Schalker Fußballspieler, die unter der Anleitung des Bergmann-Sohnes aus Sittard eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen haben. Denn selbst im nun zu erwartenden Fall, dass die Meisterschaft nicht nach Schalke geht, hat Stevens mit seiner Mannschaft Außergewöhnliches geleistet. Menschen, die ihn gut kennen, sind sich sicher, dass dies kein Zufall sein kann.

Das Unzufällige hat mit Arbeit zu tun, mit Hingabe - und mit Liebe zum Fußball. Dass darunter die Familie leidet, nimmt Stevens in Kauf. Seine Ehefrau Toos und die Kinder - Sohn Maikel und Tochter Laura sind 18 und 14 - sieht der Vater nur einmal pro Woche, wenn er in die Heimat nach Eindhoven kommt. Stattdessen hockt Stevens, einst ein knochenharter Verteidiger bei Fortuna Sittard und dem PSV Eindhoven, ungleich öfter in seiner Wohnung im Dachgeschoss des Wasserschlosses Wittringen. Selbst an seinem 46. Geburtstag, einem tristen Novembertag, hat Pressesprecher Voss ihn dort bei der Videoanalyse angetroffen.

Stevens ist es gewohnt, hart zu arbeiten. Sein Tag auf Schalke beginnt in der Regel morgens um Viertel vor acht in der Trainerkabine. Der Vater malochte im Bergwerk und starb, als Huub 17 war. Der Sohn musste Verantwortung übernehmen, auch für seine beiden damals erst vier und sechs Jahre alten Brüder, denn die beiden älteren Geschwister waren schon aus dem Haus. Es mag sein, hat sich Stevens einmal selbst erklärt, dass er deshalb so ausgeprägt in kollektiven Denkschemen verharrt. Die herausragenden Leistungen der beiden Stürmer Ebbe Sand und Emile Mpenza werden von dem detail-versessenen Fußballlehrer stets ins Verhältnis zum Ganzen gesetzt. Nie würde es Stevens über die Lippen kommen, einen seiner Profis in der Öffentlichkeit abzukanzeln. So konsequent wie er hat diese Maxime nur Otto Rehhagel in seiner überaus erfolgreichen Bremer Zeit befleißigt.

Es kann also kein ganz falscher Weg der Personalführung sein.

Auch dann nicht, wenn die Mühen keine Früchte tragen. Die beiden vergangenen Spielzeiten verbrachte Schalke 04, 1997 unter Stevens prompt Uefa-Cup-Sieger geworden, im Niemandsland der Liga, Tendenz fallend. So kam es, dass die Buchmacher, noch bevor der erste Ball getreten war, Stevens im Sommer ganz oben auf die Abschussliste der hoch gefährdeten Bundesligatrainer setzten. Und tatsächlich hätte, den Marktgesetzen folgend, ein schwächerer Manager, als es Rudi Assauer nun einmal ist, längst einen anderen Vorturner auf die Schalker Bank beordert. Assauer aber hielt zu Stevens, weil er von dessen Qualitäten überzeugt ist.

Das klingt einfacher, als es unter dem immensen öffentlichen und finanziellen Druck auf Schalke tatsächlich gewesen sein muss.

Längst ist der Erfolg wieder eingekehrt und damit auch eine Portion Leichtigkeit, an der es, sagen Kritiker, Stevens mitunter gefehlt hat. Und dennoch gibt es Momente, da kann der trotz immerblauer Trainingsjacke bestimmt nicht uneitle "Mann mit wenig Haaren" (Selbstbeschreibung) so richtig wütend werden. Marginalien nicht ausgenommen.

Neulich erst hatte eine Zeitung geschrieben, Stevens habe Olaf Thon an dessen 35. Geburtstag trainingsfrei gegeben. Der Trainer hat sich fürchterlich aufgeregt, weil es nicht stimmte und weil er einem Spieler wegen eines profanen Anlasses wie einem Geburtstag bestimmt keine Trainingseinheit erlässt. Nicht, weil er Geburtstage vergessen würde, niemals, Stevens gilt als Fleisch gewordener Geburtstagskalender, aber im Schalker Kollektiv ist Training nun einmal wichtiger als Feierlichkeiten im trauten Familienkreis. Stevens selbst gönnt sie sich ja auch nicht.

Jan Christian Müller
 


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