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Rudi Assauer "Die Welt", online, 26.5.01

Zurück nach vorn

Rudi Assauer

Inzwischen hatte ich ein paar Tage Zeit, um den Schlusspunkt der Bundesliga-Saison 2000/1 zu verarbeiten. Ich gebe zu - es ist mir nicht mal ansatzweise gelungen. Weil es einfach unfassbar ist! Aber eins ist auch klar: Dieser tragische Ausgang verpflichtet uns, in Zukunft noch härter für den Erfolg zu arbeiten. Mit Leidenschaft nachzusetzen: Der Meistertitel muss her!

Heute aber geht es um den DFB-Pokal. Jetzt, da wir zum ersten Mal nach 29 Jahren wieder im Pokalfinale stehen, darf es kein neues Drama geben! Denn daran könnten wir alle für lange Zeit zerbrechen. Nein, die Spieler müssen - trotz ihrer geradezu gigantischen Enttäuschung vom letzten Wochenende - noch einmal alles aus sich herausholen. Ich bin davon überzeugt: Sie schaffen es. Und sie gewinnen, bei allem Respekt vor Zweitliga-Aufsteiger Union Berlin, im Olympiastadion den Pott. Und wenn es denn so kommt, dann hätte sich die Geschichte fast bis aufs I-Tüpfelchen wiederholt: Auch 1972, beim letzten Pokaltriumph (5:0 gegen Lautern) entschied sich die Meisterschaft drei Tage vorher gegen Schalke. Auch damals schafften es die Bayern...

Die Meisterschaft in dieser Saison hätte unseren langen Weg zurück nach vorn gekrönt. Auch die direkt geschaffte Teilnahme an der Champions League ist ein stolzer Beleg dafür, dass wir wieder da sind. Aber wenn du so nah an der Schale warst, gehen dir die Zahlenspiele nicht aus dem Kopf. Da spielst du 34 mal 90 Minuten. Doch wenn man die letzten beiden Spieltage aufrechnet, dann fehlten Schalke lächerliche 15 Sekunden, um zum ersten Mal nach 43 Jahren wieder den Titel zu holen.

Fußball kann wirklich grausam sein. Wir hatten es doch schon geschafft! Als uns ein Fernsehreporter die Information gegeben hatte, dass Bayern in Hamburg verloren hat, dachte ich: Das ist der Himmel. Um mich herum der Wahnsinn. Die meisten wussten sich nicht zu fassen vor Glück. Und dann "klaut" uns dieser Andersson mit dem letzten Schuss der gesamten Saison doch noch die Meisterschaft. Es war der Sturz in die Hölle! Solch eine Dramatik gab es noch nie. Und die werde ich auch bis zu meinem Lebensende nicht mehr aus dem Schädel kriegen...

Die Schmerzen sind gewaltig. Immerhin ist es tröstlich, dass wir jetzt auf einer Welle der Sympathie schwimmen. "Meister der Herzen" genannt zu werden - das macht den Trainer, die Mannschaft , die Fans und auch mich unbändig stolz. Ein Titel, der zum Mythos Schalke passt.

Mythos Schalke. Ich sage einfach mal "mein Schalke", denn längst bin ich damit eine Liebesheirat eingegangen. Zu Beginn meiner zweiten Amtszeit war ich so weit noch nicht. 1993 hatte mich der damalige Präsident Günter Eichberg zurückgeholt. Am 1. April war mein erster Arbeitstag. Doch ich fand es keineswegs zum Scherzen, als ich schnell herausbekam, auf welches Abenteuer ich mich da eingelassen hatte. Der Traditionsklub hing förmlich am Tropf. Wir hatten 20 Millionen Mark Schulden an der Hacke. Und jeden Tag flatterten neue Rechnungen ins Haus.

Ich bin fast wahnsinnig geworden, als ich sah, wer sich da alles fröhlich bediente. Sämtliche Trainer, von oben angefangen bis runter zum Coach der Pampers-Liga, brausten mit vom Verein geleasten Autos durch die Gegend. Alle hatten Scheck-Karten, die sie über die Geschäftsstelle abrechneten. Ich weiß noch genau, wie mich fast der Schlag traf, als mir die erste Benzin-Rechnung auf den Tisch flatterte. Über exakt 8 400 DM. Ich habe sofort sämtliche Kreditkarten einziehen lassen. Da ist mir von einigen Herren blanker Hass entgegen geschlagen.

Mein erstes Jahr zurück auf Schalke - es war der reinste Drahtseil-Akt. Der Verein hatte zuvor massiv gegen Lizenzauflagen verstoßen. Der DFB wollte ihm die Lizenz entziehen. Ich habe mit meinen Helfern Josef Schnusenberg, Peter Peters und Rechtsanwalt Fred Fistelmann quasi rund um die Uhr gekämpft, bis wir aus dem Schneider waren. 1994 hat uns der DFB eine Geldstrafe von 500 000 Mark aufgebrummt. Damit konnten wir leben, weil wir ohne Punktabzug davon gekommen waren.

Es war die Basis, um uns sportlich zu stabilisieren. Das gelang zunächst unter Jörg Berger. Als sich die Mannschaft mit ihm auseinander gelebt hatte, holte ich den Holländer Huub Stevens. Damals sind viele zusammengezuckt: Was willst du denn mit dem? Ich war von Huub überzeugt, weil ich immer über die Grenze geschielt hatte. Und dabei war mir aufgefallen, mit welch bescheidenen Mitteln er Roda Kerkrade immer wieder in die Spitzengruppe führte. Am 9. Oktober 1997 kam Stevens zu uns. Am 21. Mai 1997 haben mir alle zu dessen Verpflichtung gratuliert. Da nämlich wurden wir gegen Inter Mailand sensationell Uefa-Cup-Sieger!

Das war weiß Gott nicht geplant, aber es war sooo wichtig für Schalke. Mit den Einnahmen der beiden Finalspiele haben wir die letzte Rate unserer 20 Millionen Mark Schulden bezahlt. Mindestens genauso bedeutend war für mich jedoch dieses Signal: Wir sind sportlich auf dem richtigen Weg. Huub hat damals immer wieder erklärt: "Es wird garantiert Rückschläge geben. Hoffentlich sind hier alle stark genug, um die zu verkraften."

Was unser Cheftrainer allerdings selbst nicht ahnte, war, dass es uns so knüppeldick erwischen würde. Wir erlebten zwei "Seuchenjahre". Der Vorstand musste geradezu eine Abwehr-Schlacht um Stevens führen. Ich war sozusagen der Heerführer. Aus Überzeugung! Ich habe ja hautnah mitgekriegt, wie Huub sich für die Mannschaft zerriss. Wie er darunter litt, dass Schalke durch eine Serie schwerster Verletzungen immer wieder auf die Schnauze fiel. Aber ich wusste: Wenn diese Serie mal aufhört, dann geht's voll nach oben.

Ich selbst habe mich weit vor Beginn dieser Saison intensiv mit der Frage beschäftigt: Was fehlt dieser Truppe, um ihr mit einem Schuss Genialität auf die Sprünge zu helfen? Und da traf mich der Gedanke wie ein Blitz: Andy Möller muss her! Der ist in Dortmund unzufrieden. Der sucht eine neue Herausforderung. Der ist mein Mann! Andy kann man so schnell begeistern wie nur wenige andere Profis. Weil er ein Gefühlsmensch ist. Weil er dieses Puschen und dieses totale Vertrauen braucht, um Topleistung zu bringen. Ich habe ihn schnell herumgekriegt. Okay, wir beide hatten am Anfang eine harte Zeit. Ich erinnere mich noch genau, dass uns einige Fans mit Transparenten sogar zu unbedeutenden Freundschaftsspielen nachgefahren sind: "Assauer und Möller - verpisst euch!" Klar, dass ich heute ganz stolz bin auf meine Entscheidung für Möller. Sie war irgendwo zwischen Kopf und Bauch gefallen. Die ehemalige "Heulsuse", das wird niemand mehr bestreiten, war einer der Garanten dafür, dass wir so nah am Titel waren.

Eine andere große Säule, sogar die wichtigste, war und ist unsere Fangemeinde. Solange ich hier bin, wird Schalke, inzwischen ein Klub mit einem Etat von 112 Millionen Mark, ein Klub, der für Gesamtbaukosten von 358 Millionen Mark die neue Arena auf den Weg gebracht hat, die Bande zu unseren Anhängern nie verlieren. Sponsoren müssen sein - ohne sie bist du einfach nicht mehr konkurrenzfähig. Aber das Herz des Vereins schlägt auch in der neuen Arena "Auf Schalke" in der Nordkurve. Und deshalb fühlen wir uns für die Zukunft gut gerüstet.

Schalke ist einen langen Weg bis zum heutigen Erfolg gegangen. S 04 steht für den Klub mit der größten Tradition in Deutschland - da kommen nicht einmal die Bayern mit. Das ist unsere Verpflichtung: Die Tradition müssen wir lebendig halten und mit modernem Management verbinden. Erfolgreiche Unternehmen wie unser neuer Hauptsponsor Victoria sehen, dass sich bei uns Emotionalität, Unberechenbarkeit des Fußballs und solide Arbeit nicht ausschließen. Das letzte Wochenende hat uns allen einmal mehr gezeigt, dass Erfolg immer auch mit Glück zu tun hat. Aber wir haben auf Schalke bewiesen, dass Erfolg trotzdem kein Zufallsprodukt ist.
 


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