netSCHOOL Aktuelles - Thema: Fußball Schalke 04

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"Die Welt", online, 26.5.01

Schalke und die unerfüllte Liebe

Die Beziehung zwischen Schalke 04 und dem DFB-Vereinspokal ist nicht gerade eine Liebesgeschichte. Nur zwei Mal bei acht Finalteilnahmen, 1937 und 1972, wanderte der Cup nach Gelsenkirchen. Als der Wettbewerb, im nationalsozialistischen Deutschland noch nach dem Reichssportführer von Tschammer und Osten benannt, 1935 eingeführt wurde, stand Königsblau zwar im Finale, doch es siegten die Schwarzroten aus Nürnberg. Und 1936 unterlagen die Schalker dem VfB Leipzig.

Erst im dritten Anlauf siegte die damals wohl beste deutsche Mannschaft ihres Jahrzehnts, die mit Fritz Szepan und Ernst Kuzorra an der Spitze einen Fußball zelebrierte, der sich ein bis heute bekanntes Etikett verdiente: den Schalker Kreisel. Gegner des Finales von Köln war Fortuna Düsseldorf, der krasse Außenseiter, denn Schalke kam als amtierender Meister ins alte Müngersdorfer Stadion. Die Chance, als erste deutsche Mannschaft das Double zu schaffen, motivierte die Knappen zusätzlich. 70 000 Zuschauer waren an jenem 9. Januar 1938 - der Pokal wurde vor Kriegsende stets in der zweiten Jahreshälfte und das Finale zuweilen im neuen Jahr ausgespielt - gekommen. 17 Sonderzüge aus Gelsenkirchen und Düsseldorf fuhren im Kölner Hauptbahnhof ein, der strömende Regen schreckte die Fußballfreunde nicht ab. Allerdings musste das Vorspiel zweier Jugendmannschaften schon nach 15 Minuten abgebrochen werden, um den Rasen zu schonen.

In der ersten Halbzeit fielen keine Tore, was der Reporter der Deutschen Allgemeinen Zeitung mit "der begreiflichen Aufgeregtheit beider Mannschaften" entschuldigte. Doch mit Beginn der zweiten Hälfte war die zumindest auf Schalker Seite verflogen. Ehe sich Fortuna versah, lag sie 0:2 zurück. Praktisch mit dem Anstoß gelang Kalwitzki das 1:0, und als die letzten Schalke-Fans noch dabei waren, ihre Fahnen auszurollen, hatte auch Szepan auf Vorlage seines kongenialen Schwagers Ernst Kuzorra getroffen. Das war die Entscheidung, nur ein Elfmeter von Paul Janes (82.) schlug noch bei FC-Keeper Hans Klodt ein. Dann hatte Schalke den Pott, den Helden des Reviers wurde am Bahnhof Gelsenkirchen ein begeisterter Empfang bereitet.

Hätten die Fans gewusst, dass es 35 Jahre dauern würde bis zum nächsten Pokalsieg, hätten sie vielleicht noch etwas heftiger gefeiert. Denn auch 1941, 1942, 1955 und 1969 verloren ihre Idole im Endspiel. Für all diese Enttäuschungen, so scheint es, musste der 1. FC Kaiserslautern im achten und bis heute letzten Pokal-Finale der Schalker büßen. An jenem 1. Juli 1972 gab es den höchsten Finalsieg in der Geschichte des DFB-Pokals, ein 5:0 leuchtete auf der Anzeigentafel des Niedersachsenstadions von Hannover auf.

Das Spiel stand freilich unter düsteren Vorzeichen. Es war die Zeit des Bundesliga-Skandals, die Ermittlungen wegen der verschobenen Spiele im Abstiegskampf 1970/71 liefen auf Hochtouren. Noch am Finaltag verdarb DFB-Chefankläger Kindermann den Schalkern die Vorfreude, als er im ZDF deren unrühmliche Rolle darlegte. Schließlich war fast die ganze Mannschaft darin verwickelt, aber noch kannte der DFB das volle Ausmaß nicht. So hatte er vor dem Finale nur Jürgen Sobieray vorläufig (es lag noch kein Urteil vor) gesperrt. Der S04-Vorstand bemühte ein Arbeitsgericht, das Sobierays Aufstellung empfahl, doch Schalkes Präsident Günter "Oskar" Siebert wagte den großen Krach mit dem DFB nicht. Wohl auch, weil man ihn in einer anderen Sache noch brauchte. Denn über dem Finale schwebte ein Protest des 1. FC Köln, der mit einer Einstweiligen Verfügung auch die Austragung verhindern wollte.

Warum? Bei Schalkes Halbfinalsieg gegen Köln (5:2 n.V., 11:7 nach Elfmetern), das als 21-Elfmeter-Spiel Geschichte schrieb, waren Zuschauer auf den Platz gelaufen. Kölns Antrag auf Wiederholung wurde zwar abgelehnt, doch über die Berufung, die ebenfalls abschlägig beschieden wurde, entschied der DFB erst nach dem Finale. Und noch eine kuriose Geschichte rankte sich um das Spiel: die Schalker "Stan" Libuda und Heinz van Haaren wechselten zu Racing Straßburg und hatten nur noch bis 30. Juni Vertrag. Da das Finale am 1. Juli stattfand, bekamen sie vom pfiffigen Vorstand schnell formal gültige "Ein-Tages-Verträge". So lief die junge Schalker Elf (im Schnitt 22,5 Jahre) von Trainer Ivica Horvath quasi mit zwei Tagelöhnern auf. Sie kam übrigens, welche Parallele zu heute, als stolzer Vizemeister hinter den Bayern nach Hannover.

Frühe Tore von Helmut Kremers (13.) und Klaus Scheer (32.) stellten die Weichen auf Sieg, Herbert Lütkebohmert (57.), Klaus Fischer (66.) und wieder Helmut Kremers (82.) den 5:0-Endstand her. 10 000 Mark pro Kopf gab es für Schalkes letzten Titel - und viel zu trinken. Denn heimwärts ging es in einem Triebwagen der Bahn. Und an fast jedem Bahnhof tankten die Helden neu auf.

Udo Muras
 


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